Fachgerechter Fruchtbaumschnitt?

Eine kleine Anekdote zu Beginn: Einst kam zum Winteranfang der Gärtner einer benachbarten Obstbaumschule, um uns in fachgerechtem Obstbaumschnitt zu unterweisen. Nach der knappen, aber präzisen Theorie wurden wir auch gleich mit den Scheren in die Baumkrone geschickt, um unser neu erlerntes Wissen in der Praxis anzuwenden…

So kletterte auch ich in einen der betriebseigenen Einzelbäume, in meinem Fall eine etwa fünfzigjährige Walnuss, die auf einer Erhebung zwischen den Kulturen stand. Majestätisch erhebt sich die laublose mächtige Krone in den Winterhimmel.

In ihr befand ich mich nun und blickte ehrfürchtig auf diese Vollkommenheit. „Nun schneiden Sie schon.“ rief der Gärtner von unten hoch. Doch trotz aufmerksamen Zuhörens im theoretischen Teil wußte ich beim besten Willen nicht , wo hier etwas am falschen Platz zu sein schien. Zum Gespött meiner Kollegen und zum Leidwesen der Gärtners kletterte ich unverrichteter Dinge aus der Krone…

Kunst und Natur

Blicken wir im Winter auf die entlaubten Obst- und Nussbäume, so entdeckt das wachsame Auge Silhouetten, welche an abgetrennte Gliedmaßen erinnert. Armdicke Äste enden abrupt oder knicken in unnatürlichem Winkel ab. Sie wirken wie an den Gliedmaßen beschnittene Krüppel.

Sehen wir uns dagegen einen freistehenden Baum auf einem Hügel im Feld an, so bemerken wir, das die Krone ein vollständiges Ganzes ist. Bei alten Bäumen ist zu beobachten, dass sich ihre äusseren Zweige wieder der Erde zuneigen. Und in einigen Fällen haben sich diese wieder neu verwurzelt.

Ungeschnittener Apfelbaum
So sollte ein Frucht- oder Apfelbaum aussehen: das Blatt-/Fruchtverhältnis stimmt. Auch erkennt man die natürliche Neigung der Äste gegen den Boden zu streben und sich sodann neu verwurzeln zu wollen. Dem wird mit Stützen Abhilfe geschaffen. Eine gemulchte Baumscheibe fehlt jedoch.

Das Verhältnis der Blattanzahl im Vergleich zur Anzahl der Früchte unterscheidet sich. Bei den meisten Laubbäumen beträgt es 150 zu 1. Hierbei ist es ohne Bedeutung, ob es sich um einen Apfelbaum, einen Nussbaum, eine Eiche oder eine Linde handelt. Für jede Frucht bildet der Baum 150 Blätter aus. Die Blattanzahl hat erstaunliche Zusammenhänge: die durchschnittliche – natürliche – Lebenserwartung unserer Bäume liegt zwischen wenigen und vielen Jahrhunderten. Manche werden durchaus ein paar Tausend Jahre alt.

Beschnittener Apfelbaum
Ein (schlechtes) Beispiel: genau so sollte ein Fruchtbaum nicht aussehen.
Das durchschnittliche Blatt- Fruchtverhältnis von Obst- oder Nussbäumen einer Streuwiese liegt bei etwa 35:1. Solche Bäume haben eine Lebenserwatung von nur wenigen Jahrzehnten. Wobei sich hier nicht die Nutzung als Faktor erwiesen hat, sondern eben das Blattverhältnis, wie sich an anderen Beispielen zeigt.

Höhere Wirtschaftlichkeit, höherer Ertrag?

Nun stellt sich berechtig die Frage nach dem Sinn der Beschneidung von Bäumen, der im Kern des Gedankens einen höheren Ertrag und optimierte Wirtschaftlichkeit erzielen will. Schaut man auf die Lebensjahre der beschnittenen und unbeschnittenen Bäume, so zeigt sich deutlich dieser Irrtum.

Auch sind beschnittene Bäume durch den Blattmangel wesentlich empfindlicher auf äussere Einflüsse wie Wetter und Tiere. Kommen wir zurück zur Frage nach dem Sinn dieses agierens, so lautet die Antwort: Es gibt keinen. Nicht einen Einzigen.

Die wirklich sinnvolle Baumpflege besteht aus anderen Maßnahmen. Ja, abgestorbenes Holz ist sinnvollerweise wegzuschneiden. Auch das Mulchen der Baumscheibe hat sich als höchst förderlich erwiesen.

Mach das Beste draus. Denn Du bist wichtig!

FacebookTwitterGoogle+BufferPin It